Dienstag, 30. April 2013

Gurdjieff und die Geomantie


Man lernt hier eine Deutung der sonderbaren Steindenkmäler, jener Dolmen, die den Kaukasus, Südrussland und Polen, über die norddeutsche Heide nach Skandinavien und England erstrecken, die in der Bretagne, in den Pyrenäen, in Nordafrika zu finden sind und ihren Kranz in Ägypten schließen, geheimnisvolle Zeichen vergessener in Astronomie und Erdkunde viel erfahrener Menschen aus baktrischer und atlantischer Frühzeit.

Alfons Paquet - Delphische Wanderung S.220

Montag, 29. April 2013

auf den ersten Blick ein wertloser Wälzer

Für alle, die sich mit Philosophie auseinandersetzen, und alle, die sich mit der Geisteswelt beschäftigen, ist eine sorgfältige Auseinandersetzung mit Gurdjeffs Buch von größtem Interesse. Es ist mir zum Beispiel begegnet, daß Leute, welche die christlichen Mystiker lesen, andere, welche die Kirchenväter gut kennen, wie auch solche, die sich mit moderner Philosophie auseinandersetzen, in diesem umfänglichen Buch (das auf den ersten Blick den Eindruck eines wertlosen Wälzers macht), nicht nur viele interessante Ideen, sondern vielleicht auch neue Aussagen gefunden haben.
Denis Saurat in Gurdjew der Magier S.67

Beelzebub über Mode und Schminke

Es kann nicht geleugnet werden, daß es auch auf dem Kontinent Europa verschiedene Sitten gibt, sogar deren Tausende, aber sie sind alle nur dazu da, um den Wesen die Möglichkeit zu geben, einander zu gefallen, oder um den wirklichen Zustand der Dinge zu verbergen, das heißt die unwünschenswerten Formen ihres Äußeren - unwünschenswert natürlich nur ihrem subjektiven Verständnis nach - zu verkleiden und das Nichts ihrer eigenen inneren Bedeutung zu verbergen. Diese dort existierenden Sitten vermehren sogar noch Jahr für Jahr die "Gespaltenheit" der Persönlichkeit und des Verstandes der Wesen.
Beelzebubs Erzählungen für seinen Enkel S.1094

Samstag, 27. April 2013

die Funktion des Gähnens

Es gibt zwei unverständliche Funktionen in unserem Organismus, die vom wissenschaftlichen Standpunkt nicht zu erklären sind, sagte er, obwohl die Wissenschaft natürlich nicht zugibt, daß sie nicht zu erklären sind; es sind dies das Gähnen und das Lachen. Keines von ihnen kann richtig verstanden und erklärt werden, ohne daß man von den Akkumulatoren und ihrer Rolle im Organismus weiß.
Sie haben schon bemerkt, daß Sie gähnen, wenn Sie müde sind. Vor allem kann man dies zum Beispiel in den Bergen sehen, wenn ein Mensch, der nicht an sie gewöhnt ist, beim Besteigen eines Berges fast unaufhörlich gähnt. Durch das Gähnen wird Energie in die kleinen Akkumulatoren eingepumpt. Wenn sie sich zu schnell entleeren, das heißt, wenn eines von ihnen keine Zeit hat, sich aufzufüllen, während das andere entleert wird, gähnt man fast unaufhörlich. Es gibt gewisse Krankheitsfälle, die ein Anhalten des Herzschlags verursachen können, wenn ein Mensch gähnen möchte, aber nicht dazu imstande ist, und es gibt auch Fälle, in denen mit der Pumpe etwas nicht stimmt, so daß sie ohne Wirkung arbeitet, und der Mensch die ganze Zeit gähnt, aber dadurch keine Energie hineinpumpt. Das Studium und die Beobachtung des Gähnens von diesem Gesichtspunkt aus enthüllt viel Neues und Interessantes.
Auf Suche nach Wunderbaren S.346

Mittwoch, 24. April 2013

Wieso wurde ausgerechnet Mr. Spock zur Ikone?

Wieso ist Spock die liebenswerteste Figur dieser Serie, derjenige, der die Fans am stärksten berührt? Die Idee hinter dieser Figur war, dass er keine Emotionen artikuliert, aber in Wirklichkeit hatte er sehr starke Gefühle von Loyalität, Liebe und Gerechtigkeit. Captain Kirk war zu heroisch, voll von Bombastik und aufgewühlten Emotionen. Und die anderen Charaktere zeigten alle möglichen Arten von Neurosen. Aber Spock schien auf einem höheren Level zu funktionieren, er lebte aufrichtig nach dem was er fühlte und glaubte, ohne eine grosse Gefühlsshow abzuziehen. Das ist es, was ihn zu einer bleibenden und liebgewordenen Ikone gemacht hat.

Dienstag, 23. April 2013

die Hauptursache menschlichen Leidens

...als er zu dem Schluß kam, daß die Hauptursache menschlichen Leidens in gewissen Schwächen liegt, mit denen die Menschen sich nicht genügend auseinandersetzen. Dazu gehören vor allem unsere Leichtgläubigkeit und Suggestibilität, denen wir aufgrund unserer Eitelkeit und unseres Egoismus ausgeliefert sind.
 Er sah die Menschheit weniger als böse, bewußt zerstörerisch oder gefährlich an, sondern eher als hilflos. Dies brachte ihn zu der Erkenntnis, daß ein großes Bedürfnis nach einer Möglichkeit bestehe, dem Menschen bei der Befreiung von dieser Hilflosigkeit zu helfen.
Gurdjieff. Ursprung und Hintergrund seiner Lehre S.24

Sonntag, 21. April 2013

jener spezielle Defekt der menschlichen Natur

Er suchte nach einem Weg, den Menschen von jenem speziellen Defekt der menschlichen Natur zu befreien, der seiner Ansicht nach für die weitere Zukunft der Welt immer verhängnisvoller werden würde. Gemeint ist die Suggestibilität - die Schwäche des Menschen angesichts äußerer Suggestion; die Tendenz, der Masse zu folgen und sich von Propaganda jeder Art mitreißen zu lassen. Durch die Weiterentwicklung der Kommunikationstechnik ist dies heute zu einer ernsten Bedrohung für die Welt geworden. Die Suggestibilität in Verbindung mit dem Entwicklungsstand der Kommunikationstechnologie hat zur Folge, daß persönliche Initiative heute weitgehend erstickt wird. Daß es weiterhin möglich wird, den menschlichen Geist in einem Maß zu kontrollieren, das sowohl für diejenigen, die die Kontrolle ausüben, wie auch für die auf diese Weise Kontrollierten höchst verhängnisvoll werden kann. Aldous Huxley hat in Schöne neue Welt eindrucksvoll
geschildert, wohin dies führen kann.
Gurdjieff. Ursprung und Hintergrund seiner Lehre S.82

Hal und Makam

Es ist wichtig zu begreifen, dass zwischen einem zeitlich begrenzten Zustand und einer dauerhaften Veränderung unseres Seins ein großer Unterschied besteht. Die Sufi Terminologie ist zum Verständnis dieses Unterschiedes sehr nützlich, denn sie unterscheidet zwischen dem "Zustand", dem Hal und der auf Dauer erreichten "Seinsebene", dem Makam. Dieselbe Unterscheidung lässt sich nachvollziehen anhand der verschiedenen Menschentypen in Gurdjieffs System.

J.G. Bennett - Die Inneren Welten des Menschen S.222

Samstag, 20. April 2013

Kunst im Dienst des objektiven Wissens

Dort, wo Wahrheit ist, kann es keine unterschiedlichen Meinungen geben. Im Altertum stand das, was man heute Kunst nennt, im Dienst des objektiven Wissens. Und wie wir in bezug auf die Tänze sagten, waren die Kunstwerke vor allem dazu bestimmt, an die ewigen Gesetze vom Aufbau des Weltalls zu erinnern und sie darzustellen. Diejenigen, die sich der Forschung widmeten und auf diese Weise zur Erkenntnis grundlegender Gesetze gelangten, drückten sie in Kunstwerken aus, so wie man es heute in Büchern macht.

Diese Kunst strebte weder nach "Schönheit" noch nach Ähnlichkeit mit irgend etwas oder irgend jemandem. So ist zum Beispiel die Statue eines Meisters aus früheren Zeiten nicht die Abbildung der Gestalt eines besonderen Menschen oder der Ausdruck einer subjektiven Empfindung; sie ist, an sich, entweder Ausdruck der Erkenntnisgesetze, wie sie sich in den Formen des menschlichen Körpers zeigen, oder ein Mittel zur objektiven Übermittlung eines Gemütszustandes. Die Form, die Handlung, der gesamte Ausdruck sind gesetzmässig.
Gurdjieffs Gespräche mit seinen Schülern S.45

das Dschamitschunatra in Coombe Springs

Das neunseitige Djamichunatra(Djamichoonatra) in Coombe Springs wurde von J.G. Bennett und seinen Schülern designt und gebaut, mit der Hilfe einiger Architekten, die Robert Wiffen anführte. Bei den Innenmassen nutzte Bennett Erkenntnisse, die er bei seinen Reisen im Nahen und Mittleren Osten in diversen Tekkes gesammelt hatte. Die neun Seiten repräsentierten das Enneagramm. Der Baubeginn war am 23.3.1956, vollendet wurde das Gebäude am 29.10.1957. Die Achse des Gebäudes wurde nach Gurdjieffs Grab ausgerichtet. Darin wurden die Gurdjieff Movements geübt und Vorträge der Coombe Springs Gemeinde gehalten. Das Dschamitschunatra wurde 1966, nach Verkauf des Anwesens abgerissen.

Einen Film, der Aufnahmen der Bauphase enthält, findet man hier: http://vimeo.com/52679805

Der Name und das Projekt wurden von folgenden Zeilen inspiriert:
Diese künstlich erzeugte Manifestation war eine Ankündigung für die Passagiere, sich in dem allgemeinen sogenannten „Dschamitschunatra" zu versammeln, einer Art von irdischem „klösterlichem-Refektorium", in dem man die „zweite-Seins-Nahrung" gemeinsam einnahm. (Beelzebubs Ezählungen S.1235)

Donnerstag, 18. April 2013

jeder Mensch kann Alles tun

Dem Menschen ist die gesamte erforderliche Ausrüstung gegeben, um alles nur Denkbare zu machen. Jeder Mensch kann all das tun, was die anderen können. Was ein Mensch vermag, das vermag jedermann. Genie, Talent, all das ist Unsinn. Das Geheimnis ist einfach: die Dinge wie ein Mensch tun. Wer in der Lage ist, zu denken und die Dinge wie ein Mensch zu tun, kann eine Sache sogleich genauso gut ausführen wie derjenige, der sie sein ganzes Leben lang getan hat, allerdings nicht wie ein Mensch. Wofür dieser zehn Jahre brauchte, um es zu lernen, das lernt der andere in zwei oder drei Tagen, und er macht es dann besser als der, der es sein ganzes Leben über gemacht hat. Ich bin Leuten begegnet, die ihr Lebtag nicht wie ein Mensch gearbeitet hatten, die jedoch, nachdem sie es gelernt hatten, sowohl die feinste wie auch die gröbste Arbeit ausführen konnten, obgleich sie nie zuvor davon gehört hatten.

Aus der wirklichen Welt. Gurdjieffs Gespräche mit seinen Schülern S.125

Mittwoch, 17. April 2013

Korrigierte Neuausgabe von Gurdjieffs "Begegnungen"

Im Alexander Verlag ist im April 2013 eine korrigierte Neuausgabe von Gurdjieffs Klassiker "Begegnungen mit bemerkenswerten Menschen" erschienen.


Montag, 15. April 2013

Olga Arkadievna von Hartmann (1885-1979)

Vater: Arkady Alexandrovich von Schumacher
Mutter: Olga Konstantinovna von Wulffert
Bruder: Lev Arkadievich von Schumacher, später Shoumatoff
Schwester: Nina Arkadievna von Nettelhorst
Schwester: Zoya Arkadievna von Klugenau
Cousins: Robert und Vera Bienaime

Olga wurde am 28.August 1885 in St.Petersburg geboren. Beide Eltern waren Lutheraner deutscher Abstammung. Als Kind wuchs sie dreisprachig (Russisch, Deutsch, Französisch) auf. http://www.gurdjieff.org/ourlife2.htm

Im Februar 1917 traf sie Gurdjieff zum ersten Mal. Sie berichtet: "Vollkommen unerwartet - wie ein schwarzer Panther - kam ein Mann orientalischer Erscheinung hinein, so wie ich nie zuvor einen gesehen hatte."
1917 gaben sie und ihr Ehemann ihr Leben in St.Petersburg auf und folgten Gurdjieff in den Kaukasus, die Türkei, Deutschland und schließlich nach Frankreich. Von ca. 1921 bis 1929 war Olga Gurdjieffs wichtigste Sekretärin und Übersetzerin. Von Dezember 1924 bis November 1927 diktierte Gurdjieff ihr sein Hauptwerk "All und Alles". Im Anschluss daran auch das Buch "Begegnungen mit bemerkenswerten Menschen". Anfang 1930 schickte Gurdjieff sie fort, um mit ihrem Mann alleine zu leben. Erst an Gurdjieffs Todestag 1949 sahen beide ihren Lehrer wieder. Beide blieben lebenslang Gurdjieffs Lehre verpflichtet. 1951 zog das Ehepaar Hartmann nach New York, um dort die Gurdjieff Gruppen von Madame Ouspensky zu unterstützen. Thomas von Hartmann verstarb am 26. März 1956. Olga widmete sich dem Aufbau von Gurdjieff Gruppen in Nordamerika und der Veröffentlichung von Thomas von Hartmanns musikalischer Hinterlassenschaft. Sie veröffenlichte 1964 die erste Auflage von "Our Life with Mr. Gurdjieff". Olga verstarb am 12. September 1979 bei Santa Fe in New Mexico.

Sonntag, 14. April 2013

Louise March Göpfert (1900-1987)

Louise Göpfert wurde am 30. August 1900 in der Schweiz geboren. 1907 zog die Familie nach Frankfurt. Louise studierte zunächst in Frankfurt, später in Berlin Kunstgeschichte. Ab 1926 studierte sie in New York und wurde dort von Alfred Stieglitz und Georgia O´Keeffe gefördert. Bis 1929 arbeitete sie an der Opportunity Gallery und gab am Hunter College Vorlesungen über Kunst. Auf einer Party 1929 lernte sie A.R.Orage kennen, der sie mitnahm zur Carnegie Hall, wo sie schließlich G.I. Gurdjieff traf. Im Juni 1929 reiste sie an die Prieure und arbeitete an der deutschen Übersetzung von "All und Alles" und war dort von Juni 1929 bis Frühling 1932 Gurdjieffs erste Sekretärin. 1933 heiratete sie den Berliner Architekten Walter March, mit dem sie fünf Kinder aufzog. 1936 wanderten sie in die USA aus. Nach Gurdjieffs Tod 1949 veröffentlichte Louise in Zusammenarbeit mit Arnold Keyserling "Beelzebubs Erzählungen" und "Auf der Suche nach dem Wunderbaren" bei Keyserlings Verlag in Österreich. Sie schrieb 1950 eine Einleitung zu Gurdjieff unter dem Titel: Gurdjieff. Ein Hinweis auf sein Leben und Werk. Ab 1957 leitete Louise March eine Gurdjieff Gemeinschaft in Rochester, woraus die Rochester Folk Art Guild hervorging. Sie führte diese Gemeinschaft bis zu ihrem Tod am 14. November 1987.

Literatur von und über Louise March Göpfert:
Annabeth McCorkle - The Rochester Years 1957-1987. The Work of Louise March (2007)
 Louise March - Gold Dust (1980)

weitere Links:

Samstag, 13. April 2013

eine Methode, die nicht in Büchern gelehrt wird

"Gurdjieff´s System bietet eine Technik", erklärte Orage. "Man kann die eigenen Fehler jahrelang gesagt bekommen, aber man wird die gleiche Person bleiben, solange man nicht die entsprechenden Anstrengungen selbst unternimmt. Sein System enthält eine Methode, die nicht in Büchern gelehrt wird, nach der man Schritt für Schritt lernen kann, wie man die richtigen Anstrengungen macht, um sich selbst zu erkennen. Aber man muss darauf vorbereitet sein lange Zeit an sich zu arbeiten, vielleicht für Jahre und es wird lange Perioden geben, wenn nicht zu geschehen scheint und sich nichts in einem selbst zu ändern scheint."

C.S. Nott - Teachings of Gurdjieff S.33

der Aufstieg auf die nächste Seinsstufe

Und auf dem Vierten Weg zum Beispiel gibt es besondere Bedingungen, die es auf den anderen Wegen nicht gibt. So sind beim Vierten Weg die Bedingungen für den Aufstieg auf der ,Treppe' derartig, daß ein Mensch nicht auf eine höhere Stufe aufsteigen kann, bevor er nicht einen anderen Menschen auf seine eigene Stufe gebracht hat. Der andere wiederum muß einen Dritten an seine Stelle setzen, um höher aufzusteigen. Darum hängt ein Mensch, je höher er aufsteigt, desto mehr von denen ab, die ihm folgen. Wenn sie anhalten, hält auch er an. Solche Lagen können auf dem Weg auch vorkommen. Ein Mensch mag zum Beispiel irgend etwas erreichen, einige besondere Kräfte, und mag diese später opfern, um andere Menschen auf seine Stufe zu bringen. Wenn die Menschen, mit denen er arbeitet, auf seine Stufe aufsteigen, wird er alles zurückerhalten, was er geopfert hat. Aber wenn sie nicht aufsteigen, kann er es vollständig verlieren.

Ouspensky - Auf der Suche nach dem Wunderbaren S.294

Freitag, 12. April 2013

jene Millionen von Welten

Gehen Sie einmal bei sternenklarer Nacht hinaus und richten Sie den Blick auf jene Millionen von Welten über Ihnen. Denken Sie daran, dass sich auf jeder davon vielleicht Milliarden von Wesen drängen, die Ihnen ähnlich, ja womöglich nach der Beschaffenheit Ihnen überlegen sind. Schauen Sie auf die Milchstrasse. Die Erde kann man in dieser Unendlichkeit nicht einmal ein Sandkorn nennen. Sie löst sich darin auf, verschwindet und mit ihr Sie selbst. Wo sind Sie? Wer sind Sie? Was wollen Sie? Wohin wollen Sie? Ist nicht das, was Sie unternehmen, reiner Unsinn?

Fragen Sie sich im Anblick dieser Welten nach Ihren Zielen und Hoffnungen, nach Ihren Absichten und den Mitteln zu deren Verwirklichung, nach den Forderungen, die an Sie gestellt werden können, und fragen Sie sich, wieweit Sie denselben nachzukommen bereit sind.

aus einem Vortrag von Gurdjieff um 1918 in Essentuki

Donnerstag, 11. April 2013

ein Mann von bemerkenswerter Erscheinung

Er behauptete viele Jahre seines Lebens in Tibet, Tschitral und Indien verbracht zu haben, generell in östlichen Klöstern, wo er die antike Weisheit des Orients studiert hatte. Er hatte in der Vergangenheit einen Zirkel in Moskau und viele dieser Mitglieder waren ihm 1917 in den Kaukasus gefolgt und seitdem an seiner Seite weitergewandert. Er war umgeben von einer seltsamen Gefolgschaft von Philosophen, Ärzten, Poeten und Tänzern. Er nutzte sie nicht aus, ganz im Gegenteil lebten sogar einige von ihnen von seinen sich verringernden Mitteln. Und von ihnen allen wurde er verehrt, fast angebetet, wie ein Führer zu den ewigen Mysterien des Universums. Seine Bewunderer waren keinesfalls Dummköpfe, einige von ihnen waren angesehene Männer, die darauf beharrten, dass Georg Ivanowitsch, wie sie ihn der russischen Weise nach nannten, ihnen mehr über ihre spezielle Kunst begebracht hatte, als sie je zuvor gelernt hatten.

Er war ein Mann von bemerkenswerter Erscheinung. Klein und dunkelhäutig, mit durchdringenden und cleveren Augen. Niemand konnte sich einige Minuten in seiner Gegenwart aufhalten, ohne von der Wirkung seiner Persönlichkeit beeindruckt zu sein. Man musste ihn nicht für unfehlbar halten, aber seine aussergewöhnliche allgemeine Intelligenz war nicht zu leugnen.

Bei jedem anderen Mann wäre ich wegen der meisten seiner Geschichten skeptisch gewesen, aber Georg Ivanowitsch gehörte nicht zu den ordinären theosophischen Schwätzern. Wenn er wirklich gewollt hätte, irgenwo hin zu reisen, seien es auch seine mysteriösen Klöster in Tibet(wo nach Gurdjieff in einem davon, eine indische Legende widerhallend, Jesus studiert hatte), hätte ich mir niemand vostellen können, der ihn hätte davon abbringen können. Er kannte Russland und den Transkaukasus auf jeden Fall exellent.

Auszüge aus einem Bericht von 1919 von C. E. Bechhofer Roberts "A Journey Through Georgia"

Mittwoch, 10. April 2013

ein Mensch von unglaublicher Konzentration und Wachheit

Graf Keyserling
Nie werde ich den Eindruck vergessen, als er in den Übungsraum trat - ein Mensch von unglaublicher Konzentration und Wachheit, ein alter Mann, der viel lebendiger war als alle seine jungen Schüler - ich dachte mir, so müßte jeder alte Mensch sein.
Nach dem Ritus erklärte er mir, ich sei kein Kandidat für seine Gruppe, sondern ein Kompagnon, der sich für sein Wissen interessiere, nicht für Erlösung und Heilung wie die Mehrzahl der Anwesenden, die, wie er sich ausdrückte, auf alten jüdischen Galoschen mit seiner Hilfe in den Himmel wollten.
Gurdjieff wollte den Menschen durch Arbeit an sich selbst dazu bringen, die neue Bewußtseinslage zu erreichen, in welcher allein der Mensch der technischen Zivilisation gewachsen sei.
Arnold Keyserling - Der neue Name Gottes S.24-25

1950 wurden "Beelzebubs Erzählungen für seinen Enkel. Eine objektiv unparteiische Kritik des Lebens des Menschen" und "Auf der Suche nach dem Wunderbaren. Fragmente einer unbekannten Lehre" in Keyserlings Verlag der Palme in Innsbruck veröffentlicht. Keyserling hatte Gurdjieff 1948 in Paris kennengelernt.

Dienstag, 9. April 2013

eine Szene aus 1001 Nacht


(18. Februar 1923 in Avon) Um zehn Uhr im Flugzeugschuppen: Eine Aufmachung wie in Tausendundeiner Nacht. Ausgesprochen kostbar wirkende Teppiche bedecken Boden und Wände. Einer von der Daily Mail, der sich an mich angehängt hat, behauptet, etwas von Teppichen zu verstehen. Demnach hätten sie insgesamt einen Wert von über einer Million. Zwischenwände und Boden sind vollkommen und teilweise in mehreren Schichten übereinander bedeckt. Etwa in halber Mannshöhe zieht sich eine kissenbesäte schmale Liege die ganze Wand entlang. Dutzende von Männern und Frauen haben sich dort ausgestreckt. Man ist auf eine spirituelle Orgie gefaßt. Mittendrin ein Springbrunnen aus Parfüm unter Farblicht. Eine Musik, die angeblich aus Mittelasien stammt. Jedenfalls ist sie außergewöhnlich.


Unter Gurdjews Leitung beginnen die Tänze. Es sind langsame Tänze, und die Ausführenden stehen weit auseinander. Bei bestimmten Kommandos erstarren alle unbeweglich in der eben eingenommenen Stellung und verharren so, bis der Befehl zum Weitermachen kommt. Wer gerade im Augenblick des Haltbefehls nicht im Gleichgewicht steht, darf die begonnene Bewegung nicht zu Ende führen und fällt um, so wie es das Schwergewicht gebietet. Der Umgefallene darf sich nicht rühren. Der von der Daily Mail ist außer sich - im wahrsten Sinne des Wortes. Diese parfümierte Luft, die farbigen Lichter, die kostbaren Teppiche, die seltsamen Bewegungen: Das ist Orientromantik, die sich endlich auf Erden verwirklicht hat. Um ihn wieder zu beruhigen, erkläre ich dem Journalisten, daß ich Professor der Universität Bordeaux bin und diese Leute alle verrückt seien...

Pauwels - Gurdjew der Magier S.122

Dinge, die nur sehr wenige Menschen wissen

Das kurze Zusammentreffen, das ich mit ihm hatte, hinterließ in mir den Eindruck von einer sehr starken Persönlichkeit, die von einer recht hohen, zugleich moralisch und metaphysisch geprägten Geistigkeit unterstrichen und überhöht wurde. Darunter verstehe ich, daß mir seine Haltung von höchstem moralischem Streben erfüllt schien, daß er andererseits über die geistige Welt Dinge wußte, wie sie nur sehr wenige Menschen wissen, und daß er auf dem Felde des Geistes und Verstandes ein wahrhafter Meister war. Ich empfinde für ihn also, ohne behaupten zu wollen, daß ich ihn wirklich kenne, eine deutliche Sympathie und sogar eine gewisse Verehrung.

Denis Saurat in Pauwels "Gurdjew der Magier" S. 69

Montag, 8. April 2013

ein deutscher Besucher im Institut von 1921

A. Paquet
Ich lernte den Leiter der Schule kennen, einen Kaukasier, der auf jahrelangen Wanderungen in den Gebirgsländern des inneren Asiens die Klöster besucht und Kulte, Tänze und Wissenschaften der Mönche kennen gelernt hatte. Dieser Mann behauptete, daß nicht Indien die Heimat der Wunder sei. Er sprach von den Hochländern des Pamir, die der Westen kaum ihrem Namen nach kennt und von deren Merkwürdigkeiten die Forscher nicht müde werden zu erzählen.

Am Klavier saß ein Professor der Petersburger Musikakademie, dessen Name in Deutschland bekannt ist. Er spielte zu den Tänzen orientalische Weisen, seltsam in ihrer Melodik und ihrem rhythmischen Sinn. Unter den Schülern war ein Petersburger Arzt, der im Begriff war, sein ganzes Schulwissen für das Studium der tibetischen Medizin mit ihrer Kenntnis der Säfte, der Heilgifte und der Einwirkung gewisser ins Sakrale erhobenen Körperübungen dahinzugeben. Dinge, von denen ich selbst einmal in den Klöstern um Kobdo und Uljassutai unverständliche Proben gesehen hatte.

Hier sah ich Tänze wie sie in den esoterischen Schulen von Tschitral, bei den Mönchen von Mazar in Afghanistan und in der Oase Keri üblich sind, Turnübungen, bestimmt zur Weckung der Willenskräfte, des Gehörs, des Gedächtnisses und zur Stählung des Muskelkörpers...

Zu den Lehrgebieten dieses Instituts gehören Vorträge aus der Überlieferung asiatischer Schulen über religiöse Mythen, über den Rhythmus, über das Gesetz der Oktave, über die Zahlenwissenschaft und was sonst der Kabbala und den magischen Künsten verwandt ist.

Alfons Paquet - Delphische Wanderung S.219

Sonntag, 7. April 2013

der Augenblick der Empfängnis

Gurdjieff machte ihr eindringlich klar, daß wir in unserer Individualität nicht Gottes Werk sind, sondern Produkte der Vererbung und der Umstände bei der Zeugung. Ich hatte ihn noch nie über die Bedeutung des Augenblicks der Empfängnis sprechen hören. Er beschrieb den Zustand, in dem Vater und Mutter sein können: Wie sie zusammen im Bett liegen, die Laute und Düfte aus dem Garten wahrnehmen und glücklich sind; und so wird ein menschlicher Same gesät, der auch dazu bestimmt ist, glücklich zu sein. Wenn sie aber voller Leidenschaften und Zorn sind, oder wenn der Vater nur an seine Brieftasche und die Kosten eines Kindes denkt, dann gelangen auch diese Einflüsse in den Samen, und ein Wesen bildet sich, das zu Haß und Habgier neigen wird. Gott ist dafür nicht verantwortlich. Er erschuf den Menschen sauber - wenn er jetzt schmutzig ist, so trägt er daran selbst die Schuld.

Das Durchqueren des Grossen Wassers S.280

Samstag, 6. April 2013

der vielseitige Herr von Salzmann

Selbstkarikatur

In Tiflis 1919 wurde Salzmann von einem alten Freund aus gemeinsamen Münchener Zeiten, Thomas von Hartmann, ausfindig gemacht und später Gurdjieff vorgestellt.

Während des Aufenthalts in Deutschland 1921-22 fungierte Alexander von Salzmann als Gurdjieffs Dolmetscher und auch die Idee, das Institut in Hellerau zu eröffnen, stammte von Salzmann.

Speziell für Katherine Mansfield bemalte von Salzmann die Decke ihres Raums mit Tierkarikaturen, um ihr eine Freude zu machen. Jedes Tier repräsentiere einen Schüler des Instituts. Überliefert ist, dass er A.R. Orage als Elefant, Thomas von Hartmann als Tukan und Dr. James Young als Affen malte.

Ein Gemälde von Alexander von Salzmann, inspiriert von dem Ballett "Der Kampf der Magier".

Im Study House bemalte von Salzmann als Dekorateur die Fenster mit sehr aussergewöhnlichen Ornamenten und er war auch für die speziellen Lichtinstallationen zuständig, die dort eine ganz spezielle Atmosphäre entstehen liessen. Ausserdem betätigte sich Salzmann auch als Kalligraph, Maler, Zeichner(Institutsemblem) und Karikaturist. Später arbeitete er in Paris unter anderem als Restaurateur und Antiquitätenhändler.

Zwischen dem 13. und 25 Dezember 1923 organisierte Gurdjieff acht sehr erfolgreiche Movements-Aufführungen im Theater der Champs-Elysees. Salzmann war der verantwortliche Bühnenbildner.

J.G.Bennett berichtet: Salzmann bestimmte das Arbeitstempo. Er bugsierte die Stämme so geschickt mit einem Flößerhaken in die richtige Position, dass ich einen der Russen fragte, wo er das gelernt habe. In vollem Ernst antwortete er: "Er hat sein ganzes Leben im Kaukasus verbracht und war vor dem Krieg Forstinspektor." Tatsächlich war er ein berühmter Bühnenbildner und Mitarbeiter von Jaques-Dalcroze gewesen und hatte nie eine Säge in der Hand gehabt, bis Gurdjieff ihm einen Monat vor meiner Ankunft zeigte, wie man damit umging. Ganz neue Fertigkeiten in kürzester Zeit zu erlernen, war ein Teil der Schulung in Gurdjieffs Institut.

In der Pariser Kunstszene verbreitete Alexander von Salzmann die Ideen Gurdjieffs und brachte z.B. den Schriftsteller Rene Daumal zu Gurdjieff.

Donnerstag, 4. April 2013

die Geheimschrift der Prieure

Alexander de Salzmann konzipierte an der Prieure ein phonetisches Alphabet, dass von dem persischen Alphabet inspiriert war. In dieser Schrift kalligrafierte Alexander de Salzmann die von Gurdjieff vorgegebenen Aphorismen des Instituts an die Wände des Study House an der Prieure. Alle Schüler des Instituts mussten das Alphabet auswendiglernen.


Die Aphorismen wurden in dem Buch "Aus der wirklichen Welt. Gurdjieffs Gespräche mit seinen Schülern" veröffentlicht. Im Englischen ist noch folgendes Buch erschienen: "Aphorisms of G.I.Gurdjieff as inscribed in the Study House at the Prieure d´Avon".

das Study House

Salzmann ist wirklich einzigartig

Alexander de Salzmann war eine aussergewöhnliche Erscheinung unter allen Gurdjieff nahestehenden. Er hatte zahlreiche Talente, nicht zuletzt auch sein Humor. Doch was uns am meisten faszinierte war seine Fähigkeit diese Talente im Dienste seiner Kunst anzuwenden. Mr. Gurdjieff genoss offensichtlich seine Anwesenheit. Ich sah sie häufig zusammen, vertieft in endlose Gespräche.
...
"Design ...Salzmann, du weisst besser als jeder andere, dass Design im Kopf entsteht. Es wird komplett im Kopf vorbereitet. Die Hand folgt den Gedanken, sie gestaltet nicht selbst. Das ist der Grund warum, sofern die Gedanken aktiv sind, die Hand sich fast so schnell bewegen kann, wie die Gedanken."
...
Mr. Gurdjieff pflegte zu sagen: "Salzmann ist wirklich einzigartig, kein anderer Maler kann tun, was er tut." Alexander de Salzmann wurde später zu einer legendären Figur der Pariser Kunstszene, wegen seinem grossen Wissen, seinem Talent und seinem besonderen Sinn für Humor.

Tchekovitch - Gurdjieff. A Master in Life S. 113-115


Herr de Salzmann und ich wurden gute Freunde. Er war ein sehr orginelles Wesen mit grossen Augen und wundervollen Gesichtsausdrücken.
...
Eines Tages erzählte er mir, wieso er nie lachte. Er sagte, Gurdjieff habe ihn einmal über diese Welt hinaus emporgehoben, von wo aus er alles so sehen konnte, wie es in Wirklichkeit ist. Danach fiel er zurück, um wieder im Staube dieser Erde zu kriechen. Von diesem Moment an war es ihm nicht mehr möglich zu lachen. Er strebte bis zu seinen letzten Tagen nach dieser grösseren Sicht.
...
An Gurdjieffs Hof war Herr de Salzmann der Hofnarr. Er war ein grossartiger Mimiker und konnte sehr lustige Geschichten erzählen. Er brachte Gurdjieff häufig zu erdbebenartigen Lachanfällen.

Louise Göpfert March - The Gurdjieff Years S.33,50

Mittwoch, 3. April 2013

Unbewusste Angst / Befürchtungen

Diese Vorahnungen künftiger Widerwärtigkeiten, Krankheiten, Verluste, peinlicher Situationen bemächtigen sich seiner häufig so stark, dass sie die Form von Wachträumen annehmen.

Ein kultivierter Mensch, der einem gebildeten Milieu angehört, ist sich sehr oft nicht darüber im klaren, welch grosse Rolle Befürchtungen in seinem Leben spielen. Er fürchtet sich vor allem und jedem; vor seinen Dienern, vor den Kindern seines Nachbarn, vor dem Portier im Hausflur, vor dem Zeitungshändler an der Strassenecke, dem Taxifahrer, dem Verkäufer, vor dem Freund, dem er auf der Strasse begegnet und auszuweichen versucht, um nicht gesehen zu werden. Und die Kinder, die Diener, der Portier usw. fürchten sich ihrerseits vor ihm.

Unbewusste Angst ist ein sehr charakteristisches Merkmal des Schlafes.

Die Menschen ahnen nicht, wie sehr sie der Furcht ausgeliefert sind. Diese Furcht ist nicht leicht zu bestimmen. Zumeist ist es Furcht vor peinlichen Situationen, Furcht vor dem, was der andere denken mag. Manchmal wird diese Furcht fast zu einem manischen Zustand.

aus einem Gurdjieff Vortrag von 1917 in Essentuki

Montag, 1. April 2013

de Hartmann und Mr. Gurdjieff

Ich bat ihn darum, zu seiner Arbeit zugelassen zu werden. Gurdjieff fragte nach dem Grund für meine Anfrage. Vielleicht sei ich unglücklich mit meinem Leben? Oder gab es einen anderen besonderen Grund? Ich antwortete, dass ich vollkommen glücklich sei, glücklich verheiratet, dass ich über genügend Einkommen verfüge, ohne arbeiten zu müssen und dass ich meine Musik hätte, die das Zentrum meines Lebens bilde. Aber, fügte ich hinzu, dies war nicht genug. "Ohne inneres Wachstum" sagte ich, "gibt es für mich überhaupt kein Leben, meine Frau und ich suchen nach einem Weg uns zu entwickeln."
...
Ich fragte Gurdjieff nach Rat bezüglich meines Militärdienstes. Er sagte zu mir: "Sie sind ein Offizier und sie müssen an die Front gehen, aber lassen Sie sich niemals von der Kriegspsychose ergreifen. Erinnern Sie sich selbst. Vergessen Sie nicht die Selbsterinnerung." Er sagte: "Wenn du unter Wölfen lebst, musst du wie ein Wolf heulen, aber man darf sich nicht von der Kriegspsychose beeinflussen lassen und innerlich muss man versuchen, von allem losgelöst zu sein."
...
Lehrer umgeben sich üblicherweise mit einer Atmosphäre grosser Ernsthaftigkeit und Wichtigkeit, um Neuzugängen einen guten Eindruck zu vermitteln. Bei Mr. Gurdjieff war es genau das Gegenteil. Alles was einen Neuankömmling abstossen, sogar ängstigen konnte, wurde immer hervorgerufen. Ein Neuankömmling hatte die Möglichkeit Mr. Gurdjieff zu treffen und mit ihm zu sprechen, aber sogleich wurden ihm einige Hindernisse in den Weg gestellt, die man überwinden musste. Auf der anderen Seite liess Mr. Gurdjieff einen Besucher niemals leerer Hände gehen, wenn diese Person mit echten Fragen zu ihm kam und über etwas sprach, was von wirklicher Bedeutung für diese Person war.

Auszüge aus De Hartmanns "Our Life with Mr. Gurdjieff"

als ob er die Masken abgerissen hätte

Montag, den 2.11.1936. Ein großes Erlebnis. Als ich in seiner Wohnung ankam, machte er mir selbst die Türe auf. Ich habe sofort gesagt: »Ich bin wie neugeboren.« Das Licht aus dem kleinen Salon beleuchtete ihn deutlich. Anstatt sich dem zu entziehen, warf er sich zurück und lehnte sich an die Mauer. Und da hat er mich zum erstenmal sehen lassen, wie er wirklich ist ... als ob er sich plötzlich die Masken abgerissen hätte, hinter denen er sonst verpflichtet ist, sich zu verbergen. Sein Gesicht war von einer Nächstenliebe geprägt, die die ganze Welt umarmte. Erstarrt stand ich ihm gegenüber, blickte ihn mit aller Kraft an und empfand eine so tiefe und so schmerzhafte Dankbarkeit, daß er die Notwendigkeit fühlte, mich zu beruhigen. Mit einem unvergeßlichen Blick sprach er: »God helps me« (Gott hilft mir).

Georgette Leblanc - The Courage Machine: A New Life in a New World

Dorothy Caruso zu Besuch bei Gurdjieff 1948

Dann sagte er: »Wissen Sie, was man unter Bewußtsein versteht?« »Ja«, sagte ich, »es bedeutet, daß man etwas kennt.« »Nein, nicht etwas kennt, sondern sich selbst kennt: Ihr Ich. Sie nicht kennen Ihr Ich, nicht eine Sekunde in Ihrem ganzen Leben. Jetzt ich sagen, und Sie versuchen. Aber sehr schwer. Sie versuchen, sich daran zu erinnern, daß Sie sagen <Ich bin>, immerzu. Sie das nicht können, nicht wichtig. Sie versuchen. Sie verstanden?«

Nach diesem Gesprächsbeginn sagte ich nichts mehr von dem, was ich mir zu sagen vorgenommen hatte. Ich erzählte ihm von meiner Kindheit in meinem Vaterhaus, von Enricos Güte und meiner Verzweiflung, als er starb; ich erzählte von meinen Kindern und wie sehr ich sie liebte. Und fuhr fort: »Ich weiß nichts von dem, was die anderen wissen. Ich weiß nicht einmal, was ich Sie fragen soll. Was soll man machen, wenn man nicht weiß, wo man anfangen soll. Was soll ich tun?« »Sie müssen Ihrem Vater helfen«, sagte Gurdjieff. Ich dachte, ich hätte zu schnell gesprochen und Gurdjieff habe nicht alles verstanden, und wiederholte ihm nun, daß mein Vater tot sei. »Ich weiß, das haben Sie schon gesagt. Aber Sie hier sein wegen Ihrem Vater. Sie dafür haben Erkenntnis. Er ist tot. Zu spät, ihn selbst wiedergutmachen. Aber Sie können wiedergutmachen an seiner Stelle. Ihm helfen.« »Aber, wie kann ich ihm helfen, wenn er tot ist? Wo ist er?« »Überall um Sie herum. Sie müssen an sich selbst arbeiten. Sich daran erinnern was ich gesagt: Ihr Ich. Und was Sie für sich tun, das tun Sie auch für mich.«

Mehr sagte er nicht, aber ich spürte, daß er etwas Großes gesagt hatte, und ich verließ ihn mit irgend etwas Reichem, Seltsamem, etwas Bedeutungsschweren...

Louis Pauwels - Gurdjew der Magier S. 227